Weihnachtslexikon: Weihnachtsabend

Weihnachtsabend

Am Weihnachtsabend

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war's; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.


Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser' Stimmlein in das Ohr:
"Kauft, lieber Herr!" Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich' Spielzeug vor.


Ich schrak empor; und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt' ich im Vorübertreiben nicht.


Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört' ich, mühsam, wie es schien:
"Kauft, lieber Herr!" den Ruf ohn' Unterlaß;
Doch hat wohl Keiner ihm Gehör verliehn.


Und ich? War's Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh' meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.


Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfaßte mich die Angst im Herzen so,
Als säß' mein eigen Kind auf jenem Stein,
Und schrie' nach Brot, indessen ich entfloh.
Theodor Storm

Am Weihnachtsabend

Ein armer Junge jammert im Bette:
»Ach, wenn ich doch auch einen Weihnachtsbaum hätte!!«
Kaum hatte er diese Worte gesprochen,
Kommt mancherlei aus dem Ofen gekrochen:
Ein Schaukelpferd, Wagen und Bleisoldaten,
Eine Trommel, ein Buch, ein Kaufmannsladen,
Ein Eisenbahnzug und ein Reifenspiel,
Ein Luftschiff, ein Fahrrad, ein Automobil
Und Äpfel und Nüsse und Zuckerschaum
Und ganz zuletzt noch ein Weihnachtsbaum.
Die Engel im Himmel singen mit Macht
Das Festlied: Stille Nacht, heilige Nacht.
Joachim Ringelnatz (1883-1934)

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